Heute in 10 Jahren – was werden Sie dann bereuen?
23.08.2009 22:42, Marie-Theres Euler-Rolle
Es hätten zwei sonnige, inspirierende Treffen werden können, mit zwei erfolgreichen, starken, schönen Frauen. Berufliche Netze nutzend wie private Bande enger knüpfend. Mitte August, Soda Zitron und die Leichtigkeit des Seins. Es kam anders.
Die Gespräche lagen schwer auf unseren Kaffeehaustischen. Die Erwartung an den Sommer. Die Erwartung an uns im Sommer. Nicht erfüllt. Die Suche nach dem Danach erfolglos abgebrochen.
Das Davor, das beschäftigt die meisten von uns Jahr ein, Jahr aus, von früh bis spät: das Arbeiten, Erledigen, Leisten, Bestehen, das erfolgreiche Bestehen (ja sogar trotz Wirtschaftskrise!), der Erfolg, die Anerkennung, das Erfüllen – mit Erfüllung?
Im Sommer soll es das wohl verdiente Danach sein. Jetzt erwarten wir von uns, dass es erholsam wird, leicht wird, abschalten, aufholen, auftanken, aufrüsten gleichzeitig für die nächste Runde an Pflichten und (zumeist selbst auferlegter) Verantwortlichkeiten.
Und dann: Krank – ausgerechnet wieder im Urlaub! Einsam – das fällt jetzt erst auf! Viel Zeit (zu viel Zeit?) - für intensive Auseinandersetzungen und private Krisen. Leere, Schwere - wer sich schließlich sich selbst auch noch in aller Härte zumutet. Oder.
Meinen zwei Freundinnen, Ihnen, uns allen, möchte ich heute einen meiner Lieblingstexte von Jorge Luis Borges widmen. Lassen Sie sich’s gut gehen in dieser neuen Sommerwoche!
Wenn ich mein Leben
noch einmal leben könnte,
im nächsten Leben
würde ich versuchen mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter
als ich gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben.
Ich würde mehr riskieren,
würde mehr reisen,
Sonnenuntergänge betrachten,
mehr bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen.
Ich war einer dieser klugen Menschen,
die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten.
Freilich hatte ich auch Momente der Freude.
Aber wenn ich noch einmal
anfangen könnte, würde ich versuchen,
nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls du es noch nicht weißt,
aus diesen besteht nämlich das Leben.
Nur aus Augenblicken.
Vergiss nicht den jetzigen.
Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an
bis in den Spätherbst barfuss gehen.
Und ich würde mit mehr Kindern spielen, wenn ich das Leben noch vor mir hätte.
Aber sehen Sie...
ich bin 85 Jahre alt und weiß,
dass ich bald sterben werde...
Wie wollen Sie Ihr restliches Leben leben?
Was wollen Sie heute noch ausprobieren?
Kommentare
Was werde ich bereuen? Wieder einmal, immer wieder, den "Erfordernissen" gerecht geworden zu sein, Erwartungen erfüllt zu haben.
Werde ich das wirklich bereuen? Zieh ich nicht doch auch immer wieder ein Stück Selbstbestätigung daraus?
Was werde ich bereuen? Wieder 10 Jahre verstreichen zu lassen, ohne meine Träume endlich in Angriff genommen zu haben.
Hab ich das nicht doch auch immer getan, nur die Träume haben sich geändert - ändern sich permanent?
Bereuen würd ich keine Träume mehr zu haben, keine Wünsche nach neuen Aufbrüchen - auch wenn ich dann über 60 bin.
Ich bereue die Schwierigkeiten, die ich anderen bereitet habe und versuche täglich ein wenig achtsamer zu sein, aber mein Leben: NEIN. Es war und ist ein wunderbares Geschenk, es hält so viele Überraschungen für mich bereit, es ist voller reicher Begegnungen und verblüffender Erkenntnisse. Mein Leben lebe ich jetzt, egal wie lange es noch dauern mag - voll Glück und Dankbarkeit.
Ich lass es mir gut gehen - danke für die Erinnerung daran!
danke für Deinen Anstoss...
Drehen wir es doch einmal um: Was will ich dann NICHT BEREUEN:
Ich will nicht bereuen, dass ich nicht sorgsam mit meinen Sehnsüchten umgegangen wäre...
...dass ich mir nicht Zeit dafür genommen habe...
...dass ich mir nicht ein Herz dafür genommen habe...
...dass ich mir diese nicht eingestanden hätte...
...dass ich diesen nicht nachgegangen wäre...
...dass ich nicht gelebt hätte...
...dass ich aus meiner Persönlichkeit nichts gemacht hätte...
Also: Es gibt JETZT viel nachzudenken, loszulassen, anzunehmen, zu tun...
Lieben Gruß, Andreas
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