Integrative Leadership – wie wollen wir in Zukunft geführt werden?
09.08.2009 21:04, Marie-Theres Euler-Rolle
Es gibt nicht viele Menschen, die durch ihr Reden Gänsehaut verursachen, uns die Tränen in die Augen treiben oder zu völlig Neuem motivieren. Die uns im Kern berühren und schmecken und fühlen lassen, worum es ihnen geht, was sie treibt und welchen Stempel sie der Welt aufdrücken. Von denen wir noch Monate später angesteckt sind, lernen wollen, inspiriert sind. Im heurigen Frühjahr gelang dieses Kunststück einer der mächtigsten Frauen weltweit beim First Women’s World Congress in Wien.
Marilyn Carlson Nelson ist Aufsichtsratsvorsitzende und frühere CEO der Carlson Group, einer international agierenden Hotel- und Restaurantkette, zu der ua die Radisson und Regent Hotels, die Park Inns oder TGI Friday’s gehören. Darüber hinaus gründete sie das Center for Integrative Leadership at the University of Minnesota.
Marilyn stand verschwindend zart und klein hinter dem Rednerpult und füllte den großen Rathaussaal bis ins letzte Winkerl mit den Schilderungen aus ihrem Leben. Erfolgreich, einflussreich und dabei ganz Mensch. Sie ließ uns an ihren Visionen teilhaben und auch an den Lektionen, die sie zu lernen hatte.
Welche Führungspersönlichkeiten braucht es im 21. Jahrhundert?
Eine ihrer Antworten: "Leaders who can work effectively across the public and private sectors to find new solutions to complex, societal problems. Leaders who can connect the dots. Some look at the sky and see just stars, but others see patterns. Look, there is a hunter, there is a goddess, isn’t that a bear? And we will never see the sky in the same way again."
Ich habe Marilyn Carlson Nelson seither immer wieder zitiert und erwähnt, bei Podiumsdiskussionen, in Vorträgen wie in Trainings. Wir brauchen Beispiele, Vorbilder, Erfahrungen und Austausch mit anderen. Als Leader strahlt sie für mich große persönliche Verantwortung und Herzenswärme aus, verbindet sie den starken Willen die Welt zu verbessern mit dem Überwinden von Niederlagen und Schicksalsschlägen privater und beruflicher Natur. Als Rednerin überzeugte sie mich durch ihren unverwüstlich positiven Zugang zum Leben, ihre große Authentizität und der Bereitschaft, mit Worten wie mit Taten jeden neuen Tag den einen, kleinen Unterschied zu machen.
Nach dem Motto: "It’s never too late to be what you might have been." (George Eliot)
Ihre Vision des Integrativen Leaderships fokussiert auf eine Kommunikation, die inspiriert und mobilisiert und mit ganzem Einsatz jegliche Grenzen überwindet.
Ihre energiegeladenen, persönlichen Reden, ihr großer Erfolg und die dahinter stehenden Visionen haben Marilyn Carlson Nelson weit über die Grenzen ihres Konzerns bekannt gemacht. Unvergessen bleibt vielen, als sie einmal vor versammelter Belegschaft in Rollerblades zum Rednerpult fuhr, um dort mit ihrem Lebenscredo alle zu infizieren:
"Whatever you do, do with integrity. Wherever you go, go as a leader. Whomever you serve, serve with caring. Whenever you dream, dream with all, and never, ever give up."
Nachzulesen auch in Buchform: How we lead matters, Marilyn Carlson Nelson, MC Graw Hill Verlag 2008.
Kommentare
ich war selbst Besucher des First Women’s World Congress in Wien und kann Ihren Enthusiasmus für Frau Nelson uneingeschränkt teilen.
Nicht umsonst ist sie Jahr für Jahr in den Best Leadern - und Most Powerful Persons Listen in den vorderen Rängen vertreten.
... und lernen wir von Ihnen!
Zuerst einmal Gratulation zu diesem wundervoll geschriebenen und inspirierenden Blog. Ich hab die beiden ersten Texte aufmerksam gelesen und freue mich schon auf deinen nächsten Eintrag.
Ich bin richtig neugierig auf Nelson geworden und werde mir das Buch jetzt auch besorgen. Ich freue mich auf einen anschließenen Austausch darüber!
Liebe Grüße
Dani
gratuliere zu eigenem Blog und gediehener Website. Deine Texte sind hervorragend verfasst, was mich bei deiner Sprachqualität nicht wundert.
Herzliche Grüße, Patricia
Solange charismatische Stimmen wie die burmesische Friedensnobelpreisträger Aung San Suu Kyi seit über 20 Jahren unter Hausarrest gestellt sind (der erst gestern wieder verlängert wurde) und die westliche Welt scheinbar machtlos zusieht, ist es noch nicht weit mit dem erfolgreichen "Sammeln solcher Persönlichkeiten".
Aber auch hierzulande fehlt es meiner Ansicht nach schmerzlich an jungen Stimmen, an neuen, lauten Ideen, an mutigen Alternativen und integren Hoffnungsträgern für die Zukunft.
Vieles ist möglich, das haben heuer im Frühjahr 2 Studentinnen spontan mit einem Ring ums Parlament bewiesen - ein Riesenerfolg für die Initiatorinnen.
Menschen, die mit einer "Try me", statt "Why me"-Mentalität durchs Leben gehen und suchen und irren und weiter suchen und finden. Wer engagiert sich für sie? Wer entdeckt sie? Wer gibt ihnen Raum?
eine kurze Anmerkung kann ich mir nicht verkneifen: Ja, es fehlt hierzulande an unkonventionellen Stimmen, die klar und unmissverständlich ihre Meinung kund tun und zu ihr stehen. Allerdings - und die Beispiele von Marilyn Carlson Nelson und Aung San Suu Kyi weisen in diese Richtung - darf das nicht eine Frage des Alters sein. Wir brauchen nicht nur junge Stimmen! Oder anders gesagt: junge Stimmen dürfen nicht eine Frage der Lebensjahre sein!
Ansonsten: bitte weiter so!
Herzlichst
Monika Posch
zunächst: Herzliche Gratulation zu Deiner gelungenen Webpage - wer Dich persönlich kennt, erkennt darin auch, dass die Site sehr authentisch aufbereitet ist. Da sind wir schon bei "Deinem Thema". Genau diese Authentizität, Echtheit sind meiner Meinung nach die Kernfaktoren des wirtschaftlichen Handelns in Zukunft. Die neue "Währung", in der hoffentlich in Zuft mehr "bezahlt wird ist: Glaubwürdigkeit. Die Zeiten der hölzernen Rhetorik mit einer Ansammlung an scheinbar gut klingenden Phrasen sollte endlich vorbei sein: Was zählt ist: Persönlichkeit. Charismatische Führung. Echtes leadership: Ich teile voll Deine Auffassung, dass der Weg dorthin geht und dass gerade in Zeiten wie diesen das Bedürfnis der Konsumenten danach stärker wird: Tolles Thema! Liebe Grüße, Andreas
Ich erlaube mir, Ihnen gleichzeitig zuzustimmen und zu widersprechen und bedanke mich für diesen wertvollen Austausch! Genau so hab ich mir das gewünscht! Sie haben Recht, junge Stimmen in jungen Körpern sind zu wenig. Es braucht auch die Lebenserfahrung, die Schrammen und die Auseinandersetzung mit sich selbst und einen gewissen Rückhalt, um Alternativen entwickeln zu können und Menschen „bewegen“ zu können.
Meine langjährige Arbeit als Trainerin gerade im Rede- und Auftrittsbereich hat mich allerdings gelehrt, dass es für viele hierzulande mit zunehmendem Alter offensichtlich schwieriger wird, den bequemen Status Quo, die gut ausgepolsterte Position im Establishment für das Unmögliche und Unversuchte zu verlassen – und dann womöglich auch noch öffentlich dafür einzustehen. Das gilt gleichermaßen für die Wirtschaft wie die Politik. Wer kann sich schon wirklich den Spielregeln eines Parteiapparates entziehen und damit auch noch erfolgreich sein, der/ die darin groß geworden und genährt worden ist? Wer darf es sich schon erlauben, Branchendogmen konsequent in Frage zu stellen und gegen institutionalisierte Bedenkenträger und scheinbar unverrückbare Wahrheiten verbal aufzurüsten? In der Schafherde mitzumarschieren bringt viele Vorteile wie Sicherheit, Zugehörigkeit, Konsens. Genau das brauchen wir meiner Ansicht nach derzeit überhaupt nicht. Großes, Neues entsteht dann, wenn wir mit neuen Ideen die Sehnsüchte der Menschen, der KundInnen und WählerInnen treffen und ihnen etwas geben, um das sie nie gebeten haben, das sie aber mitreißt. Dafür braucht es viel Mut und Sturheit und eine dicke Haut. Ich stimme Ihnen zu, es ist eine schöne Idee und eine sehr bereichernde Erfahrung, solche besonderen Menschen zu sehen, ihnen manchmal Werkzeug in die Hand zu geben – sie zu sammeln, wie Sie es formuliert haben! Herzlichst, Marie-Theres Euler-Rolle
Aber: lassen die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft diese Geradlinigkeit zu?
Wir benennen "die Verantwortlichen" und erkennen gleichzeitig nicht die eigene Verantwortung, die meines Erachtens jeder mündige Mensch mit Herz und Hirn hat: eben nicht tatenlos zuzusehen, seinen Mund aufzumachen und die Gelegenheiten beim Schopf zu packen durch Gegenpositionen überhaupt Bewegung zu erzeugen. Denn "die Verantwortlichen" werden dadurch gezwungen, auch über andere Standpunkte nachzudenken ...
Aber dieses Mund aufmachen und für etwas aufrichtig einzutreten ist nicht einfach. Wir agieren in einem System, in dem wir groß geworden bzw. mit dem wir aufgewachsen sind und haben Angst davor, das uns bekannte Terrain und die "Bequemlichkeiten", die es uns bietet, zu verlassen. Wir haben Angst vor persönlichen Folgen und Sanktionen.
Das Ergebnis: "die Verantwortlichen" machen die Dinge wie immer und schauen, dass sie es für sich und gemäß ihren eigenen Bedürfnissen richten.
Ich selbst hinterfrage mein Verhalten in Bezug auf die Politik auch gerade sehr stark. Ich kritisiere die gegenwärtige Politik und gleichzeitig bin ich selbst nicht parteipolitisch aktiv. Irgendwie verantwortungslos - oder? Die Frage ist: was tun? Eine eigene Partei gründen und Politikerin werden? Ich bin mir sicher, dass es viele Menschen gibt, die ebensolche Gedankengänge haben. Die Frage ist: was machen wir? Schauen wir länger zu oder unternehmen wir etwas? Und wie sieht dieses "wir unternehmen etwas" wirklich aus?
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