Wie öffentliche Diskussion beeinflusst wird – Macht der Sprache
12.12.2009 22:38, Marie-Theres Euler-Rolle
Barack Obama erreicht die Menschen nicht mehr, postuliert die ZEIT anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises an den US-Präsidenten. "Sprache ist immer eine Reflexion der dahinter liegenden Moral. Und die ist verloren gegangen", meint dazu George P. Lakoff, renommierter amerikanischer Linguistiker.
Ob er damit Recht hat oder nicht, sei dahin gestellt, eines aber ist sicher: Standardisierte (Politiker) Ausdrücke berühren Menschen nicht, bewegen Menschen nicht. Ob auf der internationalen oder nationalen Bühne, ob Wirtschaft oder Politik, gerade in der medialen Berichterstattung wird uns tagtäglich serviert, wie platitüdenhaft, eingespielt und „un-sexy“ Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ihre vermeintlichen Botschaften transportieren.
An den Einschaltquoten oder bei den Wahlurnen ist dann zu vermessen, wie viele Leute des Geschwätzes müde sind und sich bevorzugt in passivem Widerstand üben.
Muss professionelles Auftreten tatsächlich so langweilig sein? So einstudiert, so „vorsichtl-und rücksichtl“, damit möglichst alle zufrieden gestellt werden? So wenig transparent und blass ob all der eingegangenen Kompromisse?
Idee oder Sachthema – worauf kommt es an?
Themen werden gern zu Tode diskutiert, zerpflückt in tausend Argumente, für und wider – je nachdem auf welcher Seite man steht. Nichts Neues, dass Inhalte schlecht gemerkt werden, dennoch werden täglich weiter und immer weiter Informationsfluten ausgespuckt. Am schlimmsten, wer sich auch noch wortreich rechtfertigt, erklärt, warum etwas nicht funktioniert, entschuldigt, erklärt. Das schwächt, ist tödlich für Erfolg, erstickt gute Ideen im Keim.
Ideen brauchen Entwicklung. Darstellung über Geschichten, die sie zum Leben erwecken. Sie brauchen Bilder, die sie veranschaulichen. Ideen gehen wie ein Germteig auf, wenn sie aus Gleichnissen, Beispielen, Zitaten funkeln. Lösen über Überzeugung Begeisterung aus.
Lakoff sagt, dass unser vermeintlich freies Denken durch diejenigen beeinflusst wird, die bewusst bestimmte Metaphern in die öffentliche Diskussion einführen. Und sie wieder und wieder verwenden, überall, jeden Tag, bis sich unsere Gedanken tatsächlich verändern.
Beeinflusst werden wir so oder so, ob wir das unmoralisch finden oder nicht.
Welche Geschichten erzählen Sie? Welche Geschichten werden über Sie und Ihr Unternehmen/ Ihre Institution/ Ihre Partei erzählt?
Gute Redner wie Barack Obama faszinieren immer dann, wenn sie sich voll Energie und emotionaler Ausdrucksstärke für ihre Ideen einsetzen, aus ganzem Herzen für ihre Werte gerade stehen und zuweilen den Mut aufbringen, damit auch gegen eine Mehrheitsmeinung an- und aufzutreten.
Wie lassen sich neue Ideen, gute Geschichten, tolle Redner produzieren? Welche modernen Kommunikationswege versprechen, auch das Publikum zielgerichtet zu finden und zu betören?
Lakoff erzählt in der ZEIT über Strategien der US-Konservativen:
Sie organisieren Sommercamps für 15-Jährige, in denen Trainer Rhetorik schulen; sie finanzieren Agenturen, die Talkshowgäste in jedem Bezirk buchen können; sie versenden täglich Millionen von Nachrichten über Twitter, Blogs und Facebook. Sie benutzen sogar ein eigenes System von Protestgruppen, die sogenannten "Tea-Party-People", die sie auch jetzt gegen die Gesundheitsreform auf die Straße schicken.
Viele Unternehmen und Parteien – da wie dort haben das alles nicht – bräuchten es aber heute und morgen mehr denn je.
Kommentare
der Blog ist wieder einmal sehr gut gelungen genauso wie der Input vom dieZeit Interview mit George P. Lakoff! (dazu noch der Link: http://www.zeit.de/politik/ausland/2009-12/obama-friedensnobelpreis-rhetorik)
"Idee oder Sachthema?" Genau diese Frage stellt sich für jede/n die/der in der Öffentlichkeit steht, sich präsentieren will und die eigene Geschichte, das eigene Unternehmen mit Geschichten hinterlegt. Viele Fragen ergeben sich aus einer einzigen Entscheidung, genau wie du dies angeführt hast und genau wie Obama sich entscheiden musste, wie er seine Politik umsetzt, wie die Medien auf Fehler von ihm warten und sich hungrig auf Faux pas stürzen.
Obamas Reden werden nicht mehr reichen, aber sie können immer noch Anstöße geben - solange ein Apparat wie der der Konservativen dahinter steht (Tea-Party-People). Genauso können unsere Reden auch immer noch überzeugen, vor einem kleineren Publikum, vor unseren MitarbeiterInnen, solange die Rede auch Taten mit sich bringt.
Alles Liebe, Lucia
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